Kontext

bullet1 1.1.3) Die Eigendynamik#2 ist selbstzerstörerisch

Evolution ein unterschätzter Mythos

 

1.1.3.1) System#2 Differenzierung

Die Digitalisierung von Expertise erlaubt die systemspezifische Differenzierung und damit den Aufbau von organisationaler Intelligenz in Form von proprietären Datenbanken, Expertensystemen, Regelsystemen und Aufbereitungsinstrumenten für das vorhandene Wissen (z. B. "data mining"). Das aber macht erst Sinn, wenn man die Beteiligten mindestens mit dem gleichen Engagement als Humansysteme ernst nimmt und ihr Interface an die gemeinsamen Plattform entsprechend parametrisiert. Dann kann man das Wissen von Organisationsmitgliedern - einschliesslich des impliziten und stillschweigenden Wissens – symbolisch aufbereiten, lebenserfüllend organisieren und damit schrittweise das Eigendynamik der Organisation erstrebenswert transformieren. Nur damit kann verhindert werden, dass  die Virtualität die Wirklichkeit im Bewusstsein der Betroffenen besiegt und die Betroffenen von ihrer selbstzerstörenden Eigendynamik über-zeugt und vereinnahmt.

Solange diese Eigendynamik nicht auf die Lebenswirklichkeit der Betroffenen ausgerichtet wird, sondern vielmehr ihre Über-Zeugung anstrebt, ist damit  eine Aufweichung der bisher klaren Arbeitsteilung zwischen Wissenschaft, Politik und Wirtschaft verbunden, und die Kunst macht sich wieder wie im Mittelalter unter der Katholischen Kirche, mit ihrem verheerenden und an sich dekadenten Machtanspruch breit.

Das Wissenschaftssystem ist z.B. mit dem Internet gar nicht mehr in der Lage, Produktion und Verwendung spezialisierter Expertise zu kontrollieren, die in "fremden" Kontexten anfallen. Vor allem aber ist aufgrund der zunehmend dezentralen Produktion von Wissen das Tempo der Wissensrevision so gesteigert, dass der langwierige Umweg über das Wissenschaftssystem kontraproduktiv erscheint, womit ohne Wirklichkeitsbezug wieder Tür und Tor für die Kunst des kurzfristigen Gewinns mit der entsprechenden Gewissenlosigkeit (frei nach Goethe mit, gut ist was gefällt) geöffnet.

Wissensbasierte "intelligente" bzw. virtuelle Organisationen entwickeln eine sich an sich selbst verstärkende Eigendynamik, was vermehrt zum sich selbstzerstörenden Filz führt. Es geht eben um mehr als z.B. die vier Kernfähigkeiten der Wissensgenerierung und -diffusion, wie man sie durch die Dimensionen innen/aussen und Gegenwart/Zukunft kreuztabellieren kann. Eine blosse Projektion der Kernkompetenzen und deren Kehrseite, der Kernrigiditäten fragmentiert nur die Substanz im virtuellen Spiel der Topmanager, welche die wirklichen Zusammenhänge gar nicht verstehen können, solange sie sich die Macht darüber anmassen; die Titanic wird eben mit allem virtuellen Wissen, sinkbar bleiben.

Damit sind weitere Ungerechtigkeiten vorprogrammiert! Dagegen fordert man mit virtueller Wissensarbeit, dass man die Idee der systemischen Intelligenz nicht mehr als blossen Mythos abtut. Wenn Humansysteme lernen, dann können sie auch Wissen generieren, speichern und in systemisch organisierten Prozessen anwenden. Tatsächlich ist es nicht besonders schwierig, empirische Fälle von "dummen" und "intelligenten" Organisationen zu unterscheiden, die diese Qualitäten unabhängig von den Qualitäten ihrer konkreten Mitglieder aufweisen (Willke 1997). Immer noch fällt es allerdings vielen schwer, sich überhaupt organisationales Wissen vorzustellen, weil sie bei sich selbst als blosse Mitläufer oder mit versteckten Absichten damit Mühe haben.

Wissen, das nicht in den Köpfen von Menschen gespeichert ist, sondern in den Operationsformen eines sozialen Systems muss von den Benützern verstanden werden, sonst wird es zum Informationsmüll. Der US-Geheimdienst CIA ist damit schon mehrmals Opfer einer überzüchteten und entmenschlichten Technologien geworden. Man kann zwar Millionen von eMails innert Minuten und ohne Rücksicht auf Datenschutz scannen, doch haben beispielsweise Afghanen, gewisse Araber, Inder und Pakistani ein funktionierendes Informations- und Geldtransfersystem, das man vermutlich schon zu Zeiten von Dschingis Khan gekannt hat und das gar kein Internet benötigt. Spötter meinten angesichts der Pannen im Jahr 2001 bei der Aufarbeitung des Datenmülls, die Experten hätten nicht einmal gemerkt, wenn man ihnen den Computer an ihrem Arbeitsplatz geklaut hätte. Auch sind Verantwortliche mit ihrer modernen Technik Hinweisen von reellen Menschen gar nicht mehr nachgegangen, und somit wiederholt sich die Geschichte der Titanic und von Pearl Harbor....

Organisationales oder institutionelles Wissen das bloss in den personen-unabhängigen, anonymisierten Regelsystemen, welche die Operationsweise eines Sozialsystems definieren steckt, wird von den Betroffenen, bewusst oder unbewusst nur im Hinblick auf ihre Lebenserfüllung akzeptiert. Vor allem deshalb bleiben bloss anmassende  Standardverfahren#2, Leitlinien, Kodifizierungen, Arbeitsprozess-Beschreibungen, etabliertes Rezeptwissen so kurzlebig und nur für bestimmte Situationen, Routinen, Traditionen, spezialisierte Datenbanken, kodiertes Produktions- und Projektwissen und die oberflächlichen Merkmale der spezifischen Kultur einer Organisation beschränkt - und verursachen letztlich trotz aller Beteuerungen, mehr Kosten als Nutzen, schaffen mehr Probleme und Komplexität als sie lösen und reduzieren... 

1.1.3.2) Konkurrenz um Verbindlichkeit

Nicht erst mit Niklas Luhmann beginnt die Wissenstheorie mit der system#2anmassenden Zumutung, die Zurechnung von Wissen vom individuellen Bewusstsein zu lösen. Das begann mit Gutenberg und dem Buchdruck im grossen Stil möglich zu werden. Mit der Frage, wo und in welcher Form Wissen in einer Organisation gespeichert wird, und wer es abrufen kann, geht es zuerst einmal organisatorisch gesehen um die  gleichen Probleme wie bei materiellen Dingen. Die Frage, wie die Organisation bzw. die dafür Verantwortlichen Wissen erwerben, speichern, verwalten und verändern, und vor allem ihm bei Entscheidungen Bedeutung geben, führt zu einem neunen Grundlagenwissen#3 für die Wissensarbeit. Dafür braucht es von Anwendern mehr als Wissen, Verständnis in Bezug auf die eigenen Wissensverarbeitungsstruktur#3!

Von vornherein sollte klar sein, dass wenn die Formen des Wissens einer Organisation von den Personen getrennt sind, die Bedeutung deren Inhalte nie unabhängig von den Mitarbeitern zur Geltung kommen können, wenn es nicht bloss um technische Regelwerke geht. Eine wichtige Frage ist deshalb das Zusammenspiel von individuellem Verständnis und organisationalem Wissen und der Zusammenhang der entsprechenden Lernprozesse und der Zuständigkeiten dafür.

Die intelligente Organisation als "Ort" und Kontext als Plattform für Wissensarbeit erlaubt es mit der Expertise der darauf vernetzen Mitarbeiter Verfügungs-, Verführungs- und Orientierungswissen nutzbringend als Wert in den Vordergrund zu schieben. Einen möglicherweise tiefgreifenderen Einschnitt bewirkt Wissensbasierung wenn es mit Wissensarbeit um Sinn und Existenzberechtigung von Organisationen und damit deren Beteiligter und Betroffener geht.

Die eigenständige Bedeutung der organisationalen Ebene#2 gegenüber der Ebene#1 der Infrastruktur und des Besitzes an Güter, und gegenüber den Personen und Mitgliedern#3 schlägt auch auf den Bereich des Wissens über und fordert im damit mögliche Lernen, Unterordnung. Dies heisst, dass es nicht mehr ausreicht, die Mitglieder einer Organisation mit dem erforderlichen Wissen und der adäquaten Expertise auszustatten. Verantwortliche für die Organisation müssen über deren überindividuelles, anonymisiertes, personen-neutrales Regelsysteme#2 und ihre Geschäftsprozessen ein Optimum an organisationalem Wissen und systemischer Expertise einbauen. Mit dessen Parametrisierung können sie sich schnell wechselnden Bedingungen anpassen, leistungs- und konkurrenzfähig bleiben, ohne ihre Integrität und die des Unternehmens zu verlieren. Das verlangt aber ein entsprechend grundsätzliches, wirklichkeitsbezogenes Modell.

Aufgrund der damit verbundenen Kosten und Nutzen von Informationen, Wissen und Expertise, können es sich Organisationen ab einem bestimmten Entwicklungsgrad nicht mehr leisten, das vorhandene Wissen brach liegen zu lassen und damit keine Werte zu generieren - weil z.B. das Management damit seine Hausaufgaben nicht macht, da es zu sehr in nicht wissensbasierte Positionskämpfe verstrickt ist, und sich Macht anmasst, wo "es" die Zusammenhänge nicht versteht. Dies Schwelle gilt es mit einer kritischen Anzahl Firmen rechtzeitig zu überschreiten um in der Wirtschaft ein Turn Around in Richtung Lebenserfüllung für möglichst viele und damit eine Abkehr vor der noch vorherrschenden End- und Todestechnologie zu erreichen! 

Nur aus dem Verständnis dieser Faktoren resultiert ein sinnvolles Interesse in Firmen und anderen Organisationen am Problem des wahren Wissensmanagements, das nur mit dem Verstehen der entsprechenden Grundlagen#3 durch die Verantwortlichen zum Ziel führt. Alles andere führt erfahrungsgemäss bei den betroffenen Mitarbeitern dazu, gesammeltes Wissen der Organisation vorzuenthalten, aus Angst, sich selbst damit wegzurationalisieren. Erst wenn man damit den persönlichen Faktor#3 der Wissensarbeit ernst nimmt, kann Verfügungswissen auf lebenserfüllenden Plattformen im Einklang, it dem entsprechenden Orientierungswissen lebenserfüllend benutzt werden. Verführungswissen wird dabei nur dazu verwendet, sonst Unverständige einzubinden, statt Verständige an der Aufgabenerfüllung durch Mobbing zu hindern. ..

1.1.3.3) Umkehr von Wissen mit Einsichten

Das Interesse an der Umkehr vom bloss virtuellen Verführungswissen auf Grund besserer Einsichten hat sowohl in der Theorie, wie auch in der Praxis der bisherigen Wissensarbeit, trotz deren Thematisierung von Willke et. al. nach Malik eher abgenommen. Das hat damit zu tun, dass man des Wissensmanagements zuerst einmal virtuell mit dem Versprechen, damit ungeahnte Produktivitäts- und Innovativitätsreserven anzapfen zu können, für versteckte Absichten, z.B. korrupter Berater wie die von Arthur Anderson bei ENRON etc. missbraucht hat. Damit hat das Management nur noch mehr Anregungen und Ideen zu einem noch anmassenderen Verhalten bekommen, womit sich u.a. die Lohnschere noch mehr öffnete und das Vertrauen der Mitarbeiter noch mehr sank. Für viele Manager ist Wissensmanagement erst ein Profilierungszwang...

Doch wie die Manufakturen der frühen Neuzeit den maschinengetriebenen Bändern, Produktionsanlagen und Fabriken des Industriezeitalters weichen mussten, so weichen gegenwärtig wenigsten mit Reengineering die maschinengetriebenen Fabriken den neuen wissensgetriebenen Systemen. "Campus-Organisationen", welche aus dem Rohstoff Wissen expertisegestützte Geschäftsideen für alle nur denkbaren Formen organisationaler Kernkompetenzen und Kernfähigkeiten entwickeln, scheitern noch an Anmassungen und der Gier des schnellen Gewinnes, die dafür gar keine ernstgemeinten Ressourcen zulassen. Oder sie sind, wie man das z.B. dem WEF vorwirft, blosse Alibiübungen geltungssüchtiger Manager. Die Möglichkeit und die Notwendigkeit von organisierter Wissensarbeit und organisationalem Wissensmanagement verändern eben nicht nur die innere Logik der Operationsweise von Organisationen, sondern die Machtstrukturen tiefgreifend und davor bekommen unqualifizierte Manager kalte Füsse...

Konnte die Organisationssoziologie bislang davon ausgehen, dass Organisationen im allgemeinen über machtbasierte Entscheidungen über geldbasierte Transaktionen erklärbar seien, so gibt es jetzt genug Wissen, um solche unmenschlichen Vereinfachungen und ihre Konsequenzen, Ungerechtigkeit, zu überwinden. Sowohl Macht wie Geld als Steuerungselelemente von Organisationen geraten in den Sog einer anderen Steuerungslogik – der Steuerung mit und durch Expertise. Ein Vorrang des Steuerungsmediums Macht resultiert in den bekannten Stärken (Jaques 1991) und den bekannten Pathologien (Türk 1976) hierarchischer Organisation. Ein Vorrang des Steuerungsmediums Geld unterwirft Organisationen dem Marktprinzip und damit einer Marktlogik und wirft die Frage auf, weshalb dann nicht gleich die Organisationen zugunsten eines Marktes aufgelöst werden, wie das der Fall der Mauer im Ostblock bewirkt hat. Die seit einiger Zeit beobachtbaren Schwierigkeiten des Einbaus "interner Märkte" in grosse Unternehmen zeigen die ungelösten Probleme des Zusammenspiels von Marktlogik#1 und hierarchischer Organisationen#2 und die damit offengelegten Widersprüche des etablierten Managementwissens

Nun kommt in wissensbasierten Organisationen auch noch die Logik bzw. die postnormale Unlogik des virtuellen Wissens hinzu. Sie setzt gegenüber dem Anspruch hierarchischer Machtausübung den Vorrang des überlegenen Wissens und trübt die reine Logik des Marktes mit den Unschärfen einer nur in Umrissen existierenden virtuellen Ökonomie des Wissens.

Damit sollte eigentlich einmal mehr klar werden, dass das Managementproblem auch nicht mit über-legenen Wissen, sondern nur mit wirklichkeitsbezogen, auf lebenserfüllenden Plattformen gelöst werden kann!

Wissensarbeit könnte die Selbstverweigerung wo Unkonventionalität notwendig ist, gar nicht erst aufkommen und schon gar nicht zum Mobbing kommen lassen...

  Kontext     Abstracts 1.2


> Bitte senden Sie Ihr FEEDBACK an ZustandigVersion 26.12.04