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1.1.2.1) System#2 immanente Ungerechtigkeiten Die Informationsgesellschaft wurde Anfang der 60er Jahre in Japan und dann an der Weltausstellung 1984 offiziell ausgerufen, von der Regierung Clinton/Gore in den USA 1994 am Ministerratstreffen auf Korfu, danach im Sommer 1994 für die EU. Sie ist das Neuste Kleid des Kaisers, des Systems#2. Dabei geht es um die alte Ungerechtigkeiten angeblich überwindende neue Wertigkeit der ökonomischen Bedeutungen und deren politischen Steuerung via virtuelles Wissen und so genannte Expertise. Während Informationen systemspezifisch relevante Unterschiede bezeichnen, entsteht Wissen, wenn solche Informationen in bestimmte Erfahrungskontexte eingebunden sind. "Man" spricht hier nicht mehr wie in der Moderne von der Wirklichkeit, weil sie, z.B. als Naturgesetzmässigkeit, nicht virtuell manipulierbar ist. Von Expertise ist die Rede, wenn solches Wissen auf konkrete Entscheidungssituationen bezogen wird. Dabei fallen Fakten, Daten, Informationen, Wissen, Expertise und Reflexionen auseinander, wo sie virtueller Art und damit ohne Bezug zu einem Ganzen sind. Der Kern der Ausbildung dieser Wissensgesellschaft besteht entsprechend nicht mehr in der Fachkompetenz, sondern im Trendreiten und -sprechen (Sozialkompetenz) mit Quantität (Prognosen), Qualität (Trendforschung in Szenarien) und im Mithalten des Tempos der technischen Innovation durch mediale Meinungsbildung über neue Informationen, neues Wissen und neue Expertise und damit im Management der Informationsflut. Letzteres heizt ersteres, immer öfter "bis zum geht nicht mehr" des Managements an. Wer dann keinen goldenen Fallschirm hat, stürzt hart ab und bleibt ausgesteuert. Diese Wissensgesellschaft bekommt eigendynamische Konturen, wenn die Strukturen und Prozesse der materiellen und symbolischen Reproduktion der Gesellschaft soweit von virtuellem Wissen abhängigen Operationen durchdrungen sind, dass Informationsverarbeitung, symbolische Analyse und Expertensysteme gegenüber anderen Faktoren der Reproduktion und der Multiplikation vorrangig werden. Das kann bis zum Zustand gehen wo z.B. das inhaltsleere Klonen die persönlich relevante sexuelle Fortpflanzung übertrifft... Gegenüber Produkten mit hohen Wertanteilen an Arbeit und Material gewinnen Produkte die Überhand, deren Wert vorrangig aus der eingebauten Expertise ("embedded intelligence") besteht - z. B. Software, Logik-Chips, Computer, Farbdisplays, elektronische Spiele, Spielfilme, Mikrosystemtechnologien etc. In Dollar ausgedrückt: Bereits 1990 liess sich Intels 486er-Chip für weniger als 100 Dollar produzieren. Verkauft wurde er für 500 Dollar - eine "Wissensabgabe" von 400% (Rappaport und Halevi 1991: 53). Bei Siemens stammen inzwischen über 50 Prozent der Wertschöpfung aus wissensintensiven Dienstleistungen (Pierer 1996). Während einfache Tätigkeiten und Dienstleistungen von Robotern übernommen werden, steigt der Bedarf an professioneller Expertise in allen Bereichen, weil die virtuelle Gesellschaft mehr wirkliche Probleme schafft, als sie löst...
1.1.2.2) Mit Eifer suchen, was Leiden schafft Die virtuelle Wissensgesellschaft kann und darf gar nie umfassend verwirklicht werden, sonst hätten die Süchtigen nichts mehr zu suchen. Aber deren Endzustand wirft bereits seinen Schatten voraus. Mit dem "Sieg" der Gesellschaftsform der kapitalistischen Demokratie über den Sozialismus, dem Aufbau leistungsfähiger globaler digitaler Datennetze und der Verdichtung globaler Kontexte für lokales Handeln verliert der moderne Nationalstaat schrittweise Elemente seiner Bedeutung. Mit der Höherstufung von Produkten und Dienstleistungen zu wissensbasierten, professionellen Gütern, verlieren die herkömmlichen Produktionsfaktoren (Land, Kapital, Arbeit, aber auch Leben) gegenüber der implizierten oder eingebauten Expertise (added values) dramatisch an Bedeutung. Damit wandelt sich die moderne kapitalistische Ökonomie schrittweise zu einer Produktionsform, die zwar immer noch von Arbeit und eingesetztem Kapital abhängig ist, tiefgründiger und nachhaltiger aber von Expertise im Sinne von "intellectual capital" als dem Produktionsfaktor, der den zukünftigen Stellenwert von virtuellen Organisationen bestimmt. Es ist scheint, dass Kontinuität der Leistungsfähigkeit von Organisationen und Institutionen in dem sich entfaltenden globalen Wettbewerb von neuen Elementen abhängt: Man spricht von organisationaler Lernfähigkeit und von organisationaler Innovationskompetenz als generischen Kernkompetenzen. Beide genannten Faktoren, die schwindende Rolle des Nationalstaates und das brisante Gewicht des Produktionsfaktors Wissen verändern das Gesicht der modernen Arbeits- und Wohlfahrtsgesellschaften grundlegend. Die für entwickelte Gesellschaften relevante Form der Arbeit wird Wissensarbeit, während herkömmliche Formen der "einfachen" Arbeit von Maschinen übernommen werden oder in die noch verbliebenen Billiglohnländer abwandern. Der "Wohlfahrtsstaat" zerbricht aber trotz steigender Produktivität an seiner Überforderung durch Sozialleistungen und Subventionen, die angeblich in einer sich globalisierenden Wirtschaft nicht mehr nationalstaatlich organisierbar und kontrollierbar sind. Der Aufbau einer wissensbasierten Infrastruktur der 2. Generation ("intelligente Infrastruktur") entwickelt sich gegenwärtig zum Motor der Transformation der Industriegesellschaft zur Wissensgesellschaft. Der Kontext ist nur noch der globale, technologisch-ökonomischen Wettbewerb der Konzerne und immer mehr Humansysteme bis hin zu Staaten bleiben auf der Strecke der Sinn- und Orientierungslosigkeit. Damit ist klar, dass wir es es lediglich mit einer Pseudowissensgesellschaft zu tun haben. Darin versucht nach wie vor eine kleine Minderheit auf Kosten der grossen Mehrheit (Restwelt und deren billige Ressourcen) ein „gutes“ Leben führen. Das Problem ist aber, dass die, welche wie Süchtige das „gute“ Leben suchen, gar nicht mehr wahrnehmen, worin es besteht, in der Erfüllung, und sich bloss an immer neuen Götzen ergötzen! So wie die öffentliche Infrastruktur an Energie und Versorgungsleitungen, Strassen und Schienen alleine das Potential der Manufakturen und Fabriken der Ersten und Zweiten industriellen Revolution nicht zur Entfaltung brachte, so ist es auch nicht die Infrastruktur an Hochleistungskommunikationsnetzen, welche das Potential der Dritten industriellen Revolution zur Realität werden lässt. Was letztlich zählt ist die Lebenswirklichkeit der Beteiligten und Betroffenen! Es geht also um Inhalte, die für die Lebenserfüllung eine Bedeutung haben und nicht damit um ein Dauerkrieg mit anderen Mitteln. Computerwürmer und –viren sind dabei nur der in unserem beschränkten Denken begreifbare Teil, viel gefährlicher ist die versteckte, geheime Transformation von Information und Wissen. Virtualität gibt auch nur einen kurzen „Kick“ und es braucht immer mehr und immer grössere Anstrengungen (wie bei anderen Drogen auch), bis uns die Enronitis*) eingeholt hat. Einzig das Leben war und ist dauerhaft, selbst dass wir uns gegenseitig ausrotten wollen, hat daran nichts geändert.
1.1.2.3) Ereiferung mit zu Macht führendem Wissen Die Idee der Wissensgesellschaft ist bei den damit eifrig die Macht Suchenden nicht neu. Daniel Bell projektiert in seiner "Postindustriellen Gesellschaft" eine durchdringende und dominante Rolle von wissensbasierten Dienstleistungen, Symbolanalyse und Forschung (Bell 1976: Kap. 2 und 3). Erstaunlicherweise "ruht" das Thema Wissensgesellschaft nach diesen frühen Entwürfen für zwei Jahrzehnte weitgehend, während sich die Sozialwissenschaften den Voraussetzungen und Folgen des Wettbewerbs der Ökonomien und der Regime um die Macht zuwenden. Die Renaissance des Themas der Wissensgesellschaft vor der Jahrhundertwende kommt bezeichnenderweise nicht von der Soziologie oder der Politikwissenschaft, sondern von der Managementtheorie, die eine Rechtfertigung braucht, die sie gerade in der New Economy an der wirklichen Wissensgesellschaft zu verlieren droht. Es bleibt daran zu erinnern, dass in modernen Gesellschaften nicht ein Funktionssystem, sei es Politik, Ökonomie, Wissenschaft oder eben Management, für das Ganze stehen kann, ohne die Gesellschaft insgesamt zu deformieren. Damit ist gesagt, dass von einer Wissensgesellschaft sinnvoll nur gesprochen werden sollte, wenn eine qualitativ neue Form der Wissensbasierung und Symbolisierung alle Bereiche einer Gesellschaft durchdringt und dafür kontextspezifische Expertise in allen Bereichen der Gesellschaft generiert wird. Damit ist auch gesagt, dass die der Lebenserfüllung möglichst vieler dienenden Wissensgesellschaft nicht durch eine "Wissensklasse" oder die Vorherrschaft der "Professionellen" gekennzeichnet ist, wie das für System#2 typisch ist. Der Wandel ist fundamentaler und reicht aus der Tiefenstrukturen der Mentalbetriebssystemen der Beteiligten bis hin zur entsprechenden Reproduktion von Gesellschaft in deren Köpfen. Land, Kapital und industrielle Arbeit sind die Faktoren, welche die Arbeits- und Industriegesellschaft geformt haben. Die virtuelle Wissensgesellschaft dagegen beruht auf "embedded intelligence" in dem Sinne, dass ihre Infrastrukturen (Telekommunikationssysteme, Telematik- und Verkehrssystemsteuerung, Energiesysteme) mit eingebauter, kontextsensitiver Expertise arbeiten, ihre Suprastrukturen (Institutionen, Regelsysteme, "governance regimes") als lernfähig organisiert sind, und die Beteiligten darin aktiv Wissensbasierung betreiben. Dann kann deren Operationsweise ihrer Funktionssysteme Schritt für Schritt ihre Eigenlogik mit der neuen Metadifferenz von Expertise und Risiko koppeln (Willke 1993; 1997). Damit werden "intelligente Organisationen" Ort der Rekombination von personaler und systemischer Intelligenz, und virtuelle Wissensarbeit im besten Fall zum Kristallisationskern der Transformation der Industriegesellschaft im Übergangstadium der virtuellen im Hinblick auf die erst nachhaltige, die lebenserfüllenden persönlich relevante Wissens- und Verstehensgesellschaft. Wissensarbeit könnte das Gekränktsein der mit einer beschränkten Ausdruckweise unvermeidbaren Abneigung untereinander und die Traurigkeit der Unzufriedenheit damit, überwinden...
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